Essstörungen
 

BED, Binge Eating Disorder, Ess-Sucht

To binge" kommt aus dem Amerikanischen und heißt übersetzt "ein Fressgelage abhalten". Für die Bezeichnung "Binge Eating Störung" gibt es zur Zeit noch keine offizielle deutsche Übersetzung. Binge Eating ist eine relativ neue Störung, die in den USA 1994 offiziell in die Klassifikation aufgenommen wurde. Binge Eating ist im DSM-IV unter dem Diagnoseschlüssel 307.50 als vorläufige Subgruppe unter „nicht näher bezeichneten Essstörungen“ („Eating Disorders Not Otherwise Specified“, EDNOS) definiert.

 


BED nach ICD-10


Kennzeichen:

 

Regelmäßige Essanfälle mit folgenden Merkmalen

1. in einem abgrenzbaren Zeitraum wird eine Nahrungsmenge gegessen, die deutlich größer ist als die Menge, die andere Menschen im selben Umfang unter den gleichen Umständen essen würden.

 

2. während des Essanfalls wird der Verlust der Kontrolle über das Essen empfunden, d.h. das Gefühl,  dass man einfach nicht mehr aufhören kann zu essen und auch nicht mehr steuern kann, was und wieviel Essen man zu sich nimmt.

 

Die Essanfälle treten im Durchschnitt an mindestens 2 Tagen pro Woche über 6 Monate auf.

 

Die Essanfälle sind mit mind. 3 der folgenden Merkmale verbunden

 

1. Es wird wesentlich schneller gegessen als normal,

2. Essen bis zu einem unangenehmen Völlegefühl

3. es werden große Mengen gegessen, obwohl man

    nicht hungrig ist

4. es wird allein gegessen aus Verlegenheit über die Menge,

    die man isst

5. Ekelgefühle gegenüber sich selbst, Deprimiertheit oder große     Schuldgefühle nach einem Essanfall.

 

Es besteht hinsichtlich der Essanfälle ein deutlicher Leidensdruck

 

Die Essanfälle sind nicht mit der regelmäßigen Anwendung von gegensteuernden Maßnahmen (z.B. abführende Maßnahmen, Fasten oder exzessiver Sport) verbunden und treten nicht im Verlauf einer Anorexia nervosa oder Bulimia nervosa auf.

 

Häufig leiden die Betroffenen an Übergewicht (BMI = 25 – 30 kg/qm) oder Adipositas (BMI > 30 kg/qm).

 

 

Im ICD-10 wird Binge Eating Disorder nicht als eigenständige Störung aufgeführt. Hier besteht die Möglichkeit der Klassifikation unter

 

F50.9 – nicht näher bezeichnete Essstörung

 

Wenn Binge Eating die Reaktion auf belastende Ereignisse ist und zu Übergewicht geführt hat, ist auch eine Diagnose unter

 

F50.4 – Eßattacken bei sonstigen psychischen Störungen

möglich.

 

 



BED nach DSM-IV


Diagnostische Merkmale (DSM-IV)

 

Die Hauptmerkmale sind wiederholte Episoden von «Freßanfällen»; sie gehen mit subjektiven und Verhaltens-Indikatoren für eine beeinträchtigte Kontrolle über die «Freßanfälle» sowie bedeutsamem Leiden einher. Es fehlt der regelmäßige Einsatz von unangemessenen kompensatorischen Verhaltensweisen (wie selbstinduziertes Erbrechen, Mißbrauch von Laxantien und anderen Medikamenten, Fasten und exzessive Bewegung), wie sie charakteristisch für Bulimia Nervosa sind. [...] Zu den Indikatoren für die beeinträchtigte Kontrolle gehören sehr schnelles Essen, essen bis zu einem unangenehmen Völlegefühl, essen von großen Nahrungsmengen, wenn kein Hunger besteht, allein essen aus Verlegenheit über die Essensmenge und Ekelgefühle, Schuldgefühle oder Deprimiertheit nachdem zuviel gegessen wurde. Das deutliche Leiden, das für die Diagnose erforderlich ist, beeinhaltet unangenehme Gefühle während und nach den «Freßanfällen» ebenso wie Sorgen über den Langzeiteffekt der wiederholten «Freßanfälle» auf das Körpergewicht und die Figur.

 

Episoden von «Freßanfällen» müssen im Durchschnitt mindestens an 2 Tagen in der Woche über eine Periode von mindestens 6 Monaten auftreten. Die Dauer der Episoden kann stark variieren und viele Betroffene haben Schwierigkeiten, die «Freßanfälle» in voneinander unterscheidbare Episoden einzuteilen. Dennoch haben sie üblicherweise wenig Schwierigkeiten, sich zu erinnern, ob Episoden von «Freßanfällen» an einem bestimmten Tag aufgetreten sind. Daher wird vorgeschlagen, daß eher die Anzahl der Tage, an denen die «Freßanfälle» auftreten gezählt werden, und nicht die Anzahl der Episoden von «Freßanfällen» wie dies bei der Diagnose der Bulimia Nervosa erfolgt. Zukünftige Forschung sollte sich diesem Aspekt widmen.

 

Die Symptome treten nicht ausschließlich während einer Anorexia Nervosa oder Bulimia Nervosa auf. Außerdem sollten, obwohl einige unangemessene kompensatorische Verhaltensweisen (z. B. «Purging-Verhalten», fasten oder exzessive körperliche Betätigung) gelegentlich auftreten können, diese nicht regelmäßig eingesetzt werden, um gegen die Folgen der «Freßanfälle» anzugehen. Wissenschaftliche Studien, die bis zum jetzigen Zeitpunkt durchgeführt wurden, unterscheiden sich in der Definition von «regelmäßigem Einsatz von unangemessenen kompensatorischen Verhaltensweisen». Einige Studien setzten «regelmäßig» mit dem Häufigkeitskriterium der Bulimia Nervosa von zweimal in der Woche gleich. Betroffene, die diese Verhaltensweisen weniger als zweimal in der Woche (allerdings einmal in der Woche) zeigen, werden dann für die Diagnose der «Binge-Eating»-Störung als geeignet angesehen. Andere Studien haben Betroffene ausgeschlossen, die den Einsatz irgendwelcher unangemessener kompensatorischer Verhaltensweisen während der Krankheitsepisode beschreiben. Zukünftige Forschung sollte sich diesem Aspekt widmen.

 

 

Zugehörige Merkmale

 

Einige Betroffene berichten, daß die «Freßanfälle» durch dysphorische Stimmungen wie Depression oder Angst ausgelöst werden. Andere sind nicht in der Lage, spezifische Vorgefühle zu identifizieren, können aber von einem unbestimmten Gefühl der Spannung berichten, das durch die «Freßanfälle» reduziert wird. Einige Betroffene schreiben den Episoden von «Freßanfällen» eine dissoziative Qualität zu (Gefühle der «Taubheit» oder des «Entrücktseins»). Viele Betroffene essen den ganzen Tag hindurch ohne geplante Mahlzeiten.

 

Betroffene, die mit diesem Eßmuster in klinischen Einrichtungen gesehen werden, zeigen unterschiedliche Grade der Fettleibigkeit. Die meisten haben eine lange Geschichte wiederholter Diätversuche und sind verzweifelt über ihre Schwierigkeiten, die Essensaufnahme zu kontrollieren. Einige versuchen weiterhin, die Kalorieneinnahme zu beschränken, wogegen andere alle Diätversuche aufgrund wiederholter Fehlschläge aufgegeben haben. In speziellen klinischen Institutionen für Eßstörungen sind Betroffene mit diesem Eßmuster im Durchschnitt fettleibiger und weisen eine Vorgeschichte von deutlicheren Gewichtsschwankungen auf als Betroffene ohne dieses Eßmuster. In nicht-klinischen Bevölkerungsstichproben sind die meisten Betroffenen mit diesem Eßmuster übergewichtig (obwohl einige nie übergewichtig waren).

 

Betroffene berichten gelegentlich, daß sie durch ihr Eßverhalten oder ihr Gewicht in ihren Beziehungen zu anderen Menschen, in ihrer Arbeit und ihren Möglichkeiten, sich mit sich selbst wohl zu fühlen, beeinträchtigt sind. Im Vergleich zu Personen mit gleichem Gewicht ohne dieses Eßmuster berichten sie in höherem Maße von Selbstverabscheuung, Ekel über ihr Aussehen, Depression, Angst, somatische Beschwerden und zwischenmenschliche Empfindlichkeit. Es kann eine höhere Lebenszeit-Prävalenz für eine Major Depression, Störungen im Zusammenhang mit Psychotropen Substanzen und Persönlichkeitsstörungen vorliegen.

 

In Suchproben, die aus Therapieprogrammen für Eßgestörte stammen, variiert die Gesamtprävalenz zwischen etwa 15 % und 50 % (mit einem Mittel von 30 %), bei Frauen ist dieses Eßmuster etwa l,5 mal wahrscheinlicher als bei Männern. In nicht-klinischen Bevölkerungsstichproben wurde von einer Prävalenzrate von 0,7-4 % berichtet. Der Beginn der «Freßanfälle» liegt typischerweise in der späten Adoleszenz oder in den frühen 20er Lebensjahren und tritt häufig bald nach einem diätetisch bedingten bedeutsamen Gewichtsverlust auf. Bei Betroffenen, die zur Behandlung kommen, scheint der Verlauf chronisch zu sein.

 

Differentialdiagnose

 

In DSM-IV würden Betroffene, deren Erscheinungsbild diese Forschungskriterien erfüllt, die Diagnose einer Nicht Näher Bezeichneten Eßstörung erhalten.

 

Im Vergleich zur Bulimia Nervosa, bei der unangemessene kompensatorische Mechanismen als Maßnahme gegen die Folgen der «Freßanfälle» eingesetzt werden, wird bei der «Binge-Eating»-Störung ein solches Verhalten nicht regelmäßig zur Kompensation der «Freßanfälle» eingesetzt. Übermäßiges Essen wird häufig während Episoden einer Major Depression beobachtet, beeinhaltet aber üblicherweise keine «Freßanfälle». Diese Anhang-Diagnose sollte lediglich berücksichtigt werden, wenn der Betroffene während der Episoden des übermäßigen Essens sowohl das subjektive Gefühl der verminderten Kontrolle als auch drei der Nebenmerkmale des Kriteriums B beschreibt. Viele Personen leiden unter Episoden übermäßigen Essens, die keine Episoden von «Freßanfällen» darstellen.

 

 

Forschungskriterien für die «Binge-Eating»-Störung

 

A. Wiederholte Episoden von «Freßanfällen». Eine Episode von «Freßanfällen» ist durch die beiden folgenden Kriterien charakterisiert:

 

(1) Essen einer Nahrungsmenge in einem abgrenzbaren Zeitraum (z.B. in einem zweistündigen Zeitraum), die definitiv größer ist als die meisten Menschen in einem ähnlichen Zeitraum unter ähnlichen Umständen essen würden.

 

(2) Ein Gefühl des Kontrollverlustes über das Essen während der Episode (z. B. ein Gefühl, daß man mit dem Essen nicht aufhören kann bzw. nicht kontrollieren kann, was und wieviel man ißt).

 

B. Die Episoden von «Freßanfällen» treten gemeinsam mit mindestens drei der folgenden Symptome auf:

 

(1) wesentlich schneller essen als normal,

 

(2) essen bis zu einem unangenehmen Völlegefühl,

 

(3) essen großer Nahrungsmengen, wenn man sich körperlich nicht hungrig fühlt,

 

(4) alleine essen aus Verlegenheit über die Menge, die man ißt,

 

(5) Ekelgefühle gegenüber sich selbst. Deprimiertheit oder große Schuldgefühle nach dem übermäßigen Essen.

 

C. Es besteht deutliches Leiden wegen der «Freßanfälle».

 

D. Die «Freßanfälle» treten im Durchschnitt an mindestens 2 Tagen in der Woche für 6 Monate auf.

 

Beachte: Die Methode zur Bestimmung der Häufigkeit unterscheidet sich von der, die bei Bulimia Nervosa benutzt wird; die zukünftige Forschung sollte thematisieren, ob die zu bevorzugende Methode für die Festlegung einer Häufigkeitsgrenze das Zählen der Tage darstellt, an denen die «Freßanfälle» auftreten oder das Zählen der Anzahl der Episoden von «Freßanfällen».

 

E. Die «Freßanfälle» gehen nicht mit dem regelmäßigen Einsatz von unangemessenen kompensatorischen Verhaltensweisen einher (z. B. «Purging-Verhalten», fasten oder exzessive körperliche Betätigung) und sie treten nicht ausschließlich im Verlauf einer Anorexia Nervosa oder Bulimia Nervosa auf.

 

Quelle: Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen DSM-IV. Übersetzt nach der vierten Auflage des Diagnostic und Statistical Manual of Mental Disorders der American Psychiatric Association. Hogrefe Verlag Göttingen, Bern, Toronto, Seattle 1996. S. 819-821.

 




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