Essstörungen
 

Bulimie, Ess-Brech-Sucht, Bulimia nervosa

Die Bulimia nervosa (Bulimie) ist durch wiederholte Anfälle von Heißhunger (Essattacken) und eine übertriebene Beschäftigung mit der Kontrolle des Körpergewichts charakterisiert. Dies veranlaßt die Patientin, mit extremen Maßnahmen befürchtete dickmachende Effekte zugeführter Nahrung zu mildern. Der Terminus bezieht sich nur auf die Form der Störung, die psychopathologisch mit der Anorexia nervosa vergleichbar ist. Die Alters- und Geschlechtsverteilung ähnelt der Anorexia nervosa, das Alter bei Beginn liegt geringfügig höher. Die Störung kann nach einer Anorexia nervosa auftreten und umgekehrt. So erscheint eine vormals anorektische Patientin nach einer Gewichtszunahme oder durch Wiederauftreten der Menstruation zunächst gebessert, dann aber stellt sich ein schädliches Verhaltensmuster von Heißhunger (Essattacken) und Erbrechen ein. Wiederholtes Erbrechen kann zu Elektrolytstörungen und körperlichen Komplikationen führen (Tetanie, epileptische Anfälle, kardiale Arrhythmien, Muskelschwäche), sowie zu weiterem starken Gewichtsverlust.

 


Selbstwert

Vermutlich beruht das Krankheitsbild der Bulimie nicht auf einheitlichen psychodynamischen Mechanismen. Allen Patientinnen ist - neben der Symptomatik - allerdings gemeinsam, dass große Probleme im Bereich des Selbstwerts vorliegen. Bei vielen Patientinnen ist von einer frühen Störung der Selbstenwicklung auszugehen, weswegen die Fixierung auf den Körper und das Gewicht als Versuch verstanden werden, die in der Kindheit misslungene Ausgewogenheit bezüglich der narzistischen Besetzung des Körper-Selbst zu kontrollieren und zu kompensieren.

Eine mangelhafte Subjekt-Objekt-Differenzierung, als Folge einer frühkindlichen Deprivation oder auch Überprotektion, führt zu Störungen der Individuation und der Selbstentwicklung, das Selbstwertgefühl ist brüchig, die Betroffenen sind selbstunsicher. Diese Unsicherheit bezieht sich auf das eigene Selbstbild, das Körperbild und die Körperwahrnehmung. Dass der Körper einerseits gepflegt und idealisiert wird, andererseits aber nach einem Essanfall gehasst und zerstört werden soll, spricht für eine misslungene Integration guter und böser Objektanteile.

Quelle: von Wietersheim, J. (2003). Bulimia nervosa. In R. H. Adler, J. M. Hermann, K. Köhle, W. Langewitz, O. W. Schonecke, T. von Uexküll & W. Wesiack (Hrsg.), Psychosomatische Medizin (6. Auflage) (S. 715-716). München: Urban & Fischer.

 

Essanfall und Erbrechen

Der Essanfall mit nachfolgendem Erbrechen (der bulimische Vorgang) macht die Oralität der Betroffenen deutlich: Die Leere und die Gier. Zunächst findet eine Befriedigung statt, statt einer Sättigung kommt es aber zu einem Kontrollverlust, aus dem lustvoll besetzten Essen wird etwas Aggressiv-Chaotisches, Nahrung wird hineingeschlungen und muss vernichtet werden. Diese Aggressivität kann sich auf die Mütter beziehen, wenn diese eine harmonische Selbstentwicklung der Betroffenen mit Versagungen oder Verwöhnung verhindert haben. (Feiereis, 1996)

Der bulimische Vorgang als "symptomatischer Akt" ist dem Stillen des Säuglings (Nahrungsaufnahme, Hautkontakt, Erfahrung von Zuneigung und Bindung) ähnlich. Zu Beginn gekennzeichnet durch erotische, oral-sexuelle Komponenten, tritt jedoch im Verlauf nicht die erhoffte Sättigung mit Wärme und Zufriedenheit ein, stattdessen wölbt sich der Leib vor, der Magendruck steigt und es treten Unbehagen, Ängste und Kontrollverlust auf. Die Stimmung wechselt von einem "sich etwas gönnen und genießen" zu einem "die Nahrung vernichten wollen".

Bei Bulimien auf neurotischem Entwicklungsniveau kommt es als Kompromissbildung über eine libidinöse Unterversorgung des Selbst, einen phallisch überbesetzten Körper und spätere Partnerkonflikte zum Symptom. Bei Bulimien mit früher Störung liegt ein Selbstdefekt vor, der zur Körperbildstörung führt, die dann über Objektverluste das Symptom als Depressionsabwehr entstehen lässt. (Böhme-Bloem, 1997)

Quelle: von Wietersheim, J. (2003). Bulimia nervosa. In R. H. Adler, J. M. Hermann, K. Köhle, W. Langewitz, O. W. Schonecke, T. von Uexküll & W. Wesiack (Hrsg.), Psychosomatische Medizin (6. Auflage) (S. 715-716). München: Urban & Fischer.

 



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