Essstörungen
 

Bulimie als Lösungsversuch interpersoneller Konflikte

Mit der bulimischen Symptomatik versuchen die Patientinnen, mit den unlösbar erscheinenden familiären und inneren Konflikten fertig zu werden (Cierpka & Reich, 2001):


ListpunktSie befriedigen ihre Intimitäts- und Versorgungswünsche in ihren Beziehungen, ohne dass sie Gefahr laufen, zurückgewiesen zu werden. Damit stellen sie die familiäre Abwehr dieser Bedürfnisse nicht in Frage und folgen zugleich dem Muster der Impulsivität. Affektive Spannungen werden so reguliert.
ListpunktIn der angestrebten Heimlichkeit der Symptomatik sowie im Verschweigen ihrer Lebensschwierigkeiten und Probleme folgen sie dem familiären Muster des Verbergens von Makelhaftem und damit dem Ideal der Stärke. Die bulimische Symptomatik insgesamt korrespondiert mit den widersprüchlichen Über-Ich-Anforderungen der Familie.
ListpunktAggressive Impulse, Verachtung und Entwertung werden durch die Essanfälle indirekt geäußert. Leer gegessene Kühlschränke, mit Erbrochenem bespritzte Wände und Möbel sowie verstopfte Toiletten führen bei den Angehörigen regelmäßig zu Wut- und gleichzeitig Ohnmachtsgefühlen. Diese sind sich oft unsicher, ob sie etwas sagen dürfen, da die Patientin ja "krank" ist, und machen ihren Zorn dann in eruptiven Ausbrüchen Luft. Einerseits drehen die Patientinnen den Spieß um: Sie rächen sich für die vergangenden Abweisungen und Verletzungen durch die Eltern, schädigen diese. Die Eltern spüren nun die demütigende Ohnmacht, die die Patientin spürte. Andererseits wird diese meistens beschämt und zum Sündenbock gestempelt. Sie kann sich dann mit der Bloßstellung von "Schwächen der Familie" rächen, an der nun kein gutes Haar mehr gelassen wird. Der eben skizzierte Kampf findet bei äußerlich von der Familie abgelösten Patientinnen oft mit den inneren elterlichen Objekten statt.

Der Lösungsversuch der Patientin besteht auf allen Stufen der bulimischen Entwicklung meistens in der unmittelbaren Tendenz zur Distanzierung oder Ablösung von der Familie und damit in der verstärkten, übertriebenen Autonomie. Dies zieht eine erhöhte Sehnsucht nach Geborgenheit und Intimität nach sich, was wiederum den Kreislauf der bulimischen Symptomatik anstößt. Die erhöhte Sehnsucht nach Geborgenheit und Intimität kann auch zu einem Versuch der Wiederannäherung an die Familie führen, der aber nicht adäquat geäußert und von den Angehörigen beantwortet wird, so dass die Patientinnen zwischen Autonomie und Annäherung hin- und herpendeln, wodurch der bulimische Kreislauf ebenfalls verstärkt wird. Konflikthafte Unabhängigkeit hat einen starken Vorhersagewert für bulimisches Verhalten (Friedlander & Siegel, 1990).


Zitat aus: Reich, G. (2003). Familientherapie der Essstörungen. In M. Cierpka, A. Riehl-Emde, M. Schmidt & K. A. Schneewind (Hrsg.), Praxis der Paar- und Familientherapie  (1. Auflage) (S. 41-42). Göttingen: Hogrefe.


Impressum Seitenanfang   Seite drucken  
ab-server - Beratung und Information Essstörungen