Essstörungen
 

Sind Essstörungen Ess-Störungen?


Essstörungen ist eigentlich ein falscher Begriff: Nicht das Essen in seiner untrennbaren Einheit von biologischer und sozialer Funktion ist gestört, sondern das Essen wird missbraucht für damit nicht zusammenhängende Fragen. Essstörungen sind psychische Störungen, deren Kern im gestörten Selbstwert(-gefühl), im niedrigen Selbstvertrauen, in Störungen der eigenen Identität liegt. Da Menschen soziale Beziehungen weniger kontrollieren können, wird das einzige "Objekt", das immer zur Verfügung steht, der eigene Körper, das Gewicht, die Figur etc. zum Schlachtfeld! (Prof. G. Rathner, Innsbruck)

 

Magersucht

Essstörung, charakterisiert durch absichtlich selbst herbeigeführten oder aufrechterhaltenen Gewichtsverlust ("Hungersucht", Anorexia nervosa)
 

Bulimie

Essstörung, charakterisiert durch Verhaltensmuster von Essanfällen und Erbrechen oder Gebrauch von Abführmitteln (Ess-Brech-Sucht, Bulimia nervosa; siehe auch:"Unterscheidung Magersucht, purging-Typ und Bulimie")

BED

Essstörung, charakterisiert durch regelmäßige Essanfälle, übewiegend ohne die Kompensation durch bulimische Verhaltensweisen (binge eating disorder, BED).
 

Adipositas

Keine Essstörung, ein Zustand charakterisiert durch ein Übermaß an Fettgewebe, das zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führt (Adipositas und BED).
 

EDNOS

Essstörungen, nicht näher bezeichnet (ICD F50.9)
 
 
 

Konflikte

Essstörungen können durch Konflikte auf allen ... Ebenen [Werte, Ideale, Sympathie, Identität, Loyalität] gefördert werden. Besteht z. B. eine Unsicherheit bezüglich der eigenen Grenzen und der Kontrolle darüber, so kann Essen bzw. Fasten ein Mittel werden, diese zu sichern. Dabei muss es nicht unbedingt so sein, dass Grenzüberschreitungen oder Einschränkungen der Autonomie über das Essen stattfanden. Hier spielt der Abwehrmechanismus der Verschiebung eine zentrale Rolle. Oft werden solche Konflikte auf das Essen verschoben, weil sie hier leichter zum Ausdruck gebracht werden können als in dem zu Grunde liegenden Konfliktbereich. Oft werden sie dort gar nicht bemerkt, sondern zeigen sich zunächst im Essen.

Zitat aus: Reich, G. (2003). Familientherapie der Essstörungen. In M. Cierpka, A. Riehl-Emde, M. Schmidt & K. A. Schneewind (Hrsg.), Praxis der Paar- und Familientherapie (1. Auflage) (S. 3-4). Göttingen: Hogrefe.

Auslöser

Soziokulturell vorgegebenes Schlankheitsideal

Dicksein wird im Gegensatz zu früher, als es noch Wohlstand symbolisierte und besonders geschätzt wurde, überwiegend negativ bewertet (Westenhöfer, 1992). Mit der Diskriminierung dicker Menschen entwickelte sich - vor allem durch die Medien befördert - eine zunehmend positve Bewertung schlanker oder gar magerer Körper. Einerseits sank das Durchschnittsgewicht der Modelle in Herrenmagazinen, andererseits stieg das Durchschnittgewicht von Frauen wegen der geringer werdenden körperlichen Beanspruchung und der verbesserten Ernährungsbedingungen an. Die Kluft zwischen idealisierter und realer Figur vergrößerte sich. Für Frauen stellt körperliche Attraktivität eine wesentliche Grundlage ihres Selbstwertgefühls dar. Wenn die von der negativen Selbst-Einschätzung ihrer Körperform angeregten Maßnahmen zur Gewichtskontrolle zu positiven Rückmeldungen aus der sozialen Umgebung führen, wird der Schlankheitsdruck verstärkt.
Diese sozio-kulturellen Einflüsse begünstigen, dass Betroffene in der Phase der Entwicklung einer eigenen Identität beim Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter, Schlanksein und Erfolg bei der Gewichtsreduktion als alleinige Quelle ihres Selbstwertgefühls definieren.


Bedingungen in der Familie

Als ein pathogener Faktor für Magersucht und Ess-Brech-Sucht wurden von Selvini-Palazzoli (1978) und Minuchin et al. (1978) Interaktionsstörungen im Familiensystem hervorgehoben. Nach diesen Modellen, wird ein Familienmitglied in Familiensystemen, die durch die Interaktionsmuster Verstrickung, Rigidität, Überbehütung, Konfliktvermeidung und wechselnde Koalitionsbildung gekennzeichnet sind, zum Symptomträger, der die Stabilität in der Familie aufrechterhalten und offene Konflikte innerhalb der Familie verhindern soll.


Lernerfahrungen; individuelle Faktoren

Individuelle Lernerfahrungen spielen hochwahrscheinlich eine ganz wesentliche Rolle für die Entwicklung einer Essstörung (Johnson & Maddi, 1986). Bereits im im frühkindlichen Stadium zeigt sich, dass Nahrungsverweigerung als ein wirksames Mittel zur Manipulation der Umgebung eingesetzt werden kann. Möglich, dass gerade im Anfangsstadium einer Magersucht, gerade solche Erfahrungen zum Tragen kommen.
Für die Ess-Brech-Sucht scheint bedeutsam, ob und in welchem Ausmaße, Essen als Mittel der Ablenkung, Belohnung oder Entspannung verwendet worden ist.
Normale Hunger- und Sättigungsempfindungen werden "verlernt", wenn die Nahrungsaufnahme häufig von den pysiologischen Bedürfnissen abgekoppelt wird (Booth, 1998).


Biologische Faktoren

Primär biologische Dysfunktionen als Ursachen von Essstörugen werden diskutiert. Da die beobachtbaren biologische Veränderungen immer auch als Konsequenzen von Mangelernährung (Pirke & Ploog, 1986) oder pathologischen Essverhaltens (Schweiger et al., 1988) hervorgerufen werden können, wird eine primär biologische Verursachung als unwahrscheinlich beurteilt.


Kognitive Defizite

Der Denkstil essgestörter Patienten ist durch Verzerrungen und irrationale Annahmen gekennzeichnet. Nach Garner & Bemis, 1983, führt bspw. die Annahme, "man muss immer perfekt sein", über die Spezifizierung "Nur wenn ich schlank bin, bin ich perfekt." zu dem Verhalten des Fastens, des Diätierens und des Erbrechens, welches dann die biologischen Veränderungen wie Gewichtsabnahme, biochemische Anpassungen, usw. bewirkt.


Wenn prädisponierende Faktoren zwar erklären können, warum eine bestimmte Krankheit bei bestehenden Problemen als "Kompromisslösung" "gewählt" wurde, zu welchem Zeitpunkt die Krankheit erstmals auftritt, ist damit nicht erklärt. In vielen Fällen gingen der Magersucht oder Ess-Brech-Sucht sogenannte kritische Lebensereignisse voraus, wie Anforderungswechsel, Trennungsereignisse, Angst vor Leistungsversagen, Verlustereignisse, Krankheiten, u. ä..
Diese Ereignisse stellen Anforderungen dar, denen die Patienten zu diesem Zeitpunkt nicht gewachsen sind.


Quelle: Laessele, R. G., Wurmser, H. & Pirke K. M. (2000). Essstörungen. In J. Margraf (Hrsg.), Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Band 2: Störungen - Glossar (2. Auflage) (S. 223-246). Heidelberg: Springer.

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