Essstörungen
 

Magersucht und Lebensaufgaben

Zwei für die Adoleszenz [Zeit zwischen Eintritt der Geschlechtsreife und dem Erwachsensein] typische Situationen sind häufig und fallen oft zusammen: Die tatsächliche oder phantasierte Trennung von den Elern und die tatsächliche oder phantasierte Aufnahme von Liebes-beziehungen außerhalb der Familie, die in sexuelle Erfahrungen münden können. Die Patientinnen sind hierauf weder emotional noch kognitiv vorbereitet. In ihren Familien finden sie keine ausreichende Unterstützung.

Der Wunsch nach Verselbständigung oder auch eine Trennung aufgrund äußerer Gegebenheiten gefährdet das Gleichgewicht der Familie. Zur eigenen Identitätskrise kommt so die Krise des Familien-systems. Die Trennungsproblematik kann schon durch Ferienreisen, Auslandsaufenthalte, Schulwechsel, den Auszug von Geschwistern, die Wiederaufnahme der Berufstätigkeit der Mutter u. ä. aktualisiert werden; Ereignisse dieser Art können sowohl die Patientin selbst wie auch die Familie labilisieren.

Von außen gesehen oft unverbindlich erscheinende Beziehungen zu Männern, besonders deren von der Patientin auf der Handlungsebene herbeigeführtes, jedoch als enttäuschendes Scheitern erlebtes Ende, können schwere innere Krisen auslösen. Die Entdeckung der Entwick-lung der eigenen sekundären weiblichen Geschlechtsmerkmale, Bemerkungen anderer hierüber oder über die Figur allgemein werden dann häufig zu dem von der Patientin beschriebenen Anlass, Gewicht zu verlieren.

Häufig fehlen der Patientin positive Identifizierungsmöglichkeiten mit ihrer Mutter oder anderen weiblichen Bezugspersonen, die ihnen helfen könnten, die neue Situation sowohl bezogen auf den veränderten Körper wie auf die veränderten Beziehungswünsche zu bewältigen.

...

Die Patientinnen leiden darunter, dass sie die Veränderungen ihres Körpers nicht kontrollieren können wie die Entwicklung, die ihre ersten genital-sexuellen Beziehungen nehmen. Im Hungern, d. h. im Kampf gegen das "Fettsein", suchen sie die Kontrolle über sich und die Umwelt (repräsentiert durch die Nahrung) zurückzugewinnen. und so das durch den Kontrollverlust verlorene Selbstwertgefühl zu restituieren.


Zitat aus: Köhle, K., Subic-Wrana, C., Albus, C., & Simons, C. (2003). Anorexia nervosa. In R. H. Adler, J. M. Hermann, K. Köhle, W. Langewitz, O. W. Schonecke, T. von Uexküll & W. Wesiack (Hrsg.), Psychosomatische Medizin (6. Auflage) (S. 687-706). München: Urban & Fischer.


Impressum Seitenanfang   Seite drucken  
ab-server - Beratung und Information Essstörungen